messesamstag mit ruhigem ausklang

die entscheidung, nicht im hauptbahnhof, sondern eine station davor, am  markt zu nehmen, erwies sich als goldrichtig angesichts der menschentrauben und unorganisiertheit der meist jüngeren passagiere „wir bleiben mal hier stehen“ in der mitte des gangs, mit viel freiem platz. auf jeden fall waren wir sehr früh an der messe, viele stände waren noch komplett verwaist.

ruhe vor dem sturmder auftakt war das frühstück bei den hörbüchern mit uve teschner und dietmar wunder. letzterer ist die synchronstimme von adam sandler und daniel craig  und die beiden gaben einen spannenden einblick in die welt der höhrbücher und synchronsprechens. gerade beim synchronisieren sind unglaublich viele personen im hintergrund, der text muss beispielsweise auf die öffnung und schliessung des mundes passen. so ist klar, weshalb filme in vielen ländern nicht so schön synchronisiert werden – ich erinnere mich an die englischen filme in polen, wo einfach eine erzählerstimme monoton den ganzen film erzählt.

frühstückjonas lüscher  „Nichts ist schlimmer, als wenn träume in erfüllung gehen.“ er vertritt die these, dass wissen vermehrt in literatur verbreitet werden sollte, so dass es nur konsequent sei, dass er einen zweiten roman schreibt anstelle seiner dissertation. die interviewerin bemerkte, dass viele schweizer autoren schreiben geschichten über männer, die weggehen und sich verlieren – es scheint ein widerkehrendes thema zu sein.

jonas lüscherwladimir kaminer eröffnet in seinem buch „goodbye moskau“ einen blick auf russland. wenn er putin treffen würde, könnte er ihm nicht etwas sagen, da in seinem alter sich niemand mehr ändert, er hätte ihm nichts zu sagen.

wladimir kaminerdas thema jung gegen alt wird von verschiedenen vertretern diskutiert, unter anderem roger de weck. wobei nicht alle der auffassung waren, dass dies die richtige frage sei – auch gehe es un die ungleichverteilung der vermögen und chancen – was nicht direkt mit dem alter zu tun hat. spannende diskussion mit differenzierten beiträgen.

diskussionsrundechristoph hein erzählt in seinem roman trutz die geschichte von zwei familien, die unter den beiden grossen regimen des letzten jahrhunderts zu leiden hatten, bzw. es für sie tödlich war. er hat erst die geschichte erfunden und dann recherchiert, ob dies auch stimmt. der sohn des trutz kann sich alles merken, was er geschrieben hat. das kann einem zum verhängnis werden, wenn man man nichts vergisst, sowohl bei seinem job als archivar wie auch als ehemann. je grösser der druck von aussen ist, desto genauer arbeitet das gehirn – wenn alle info immer verfügbar ist, wird das hirn träge. komik ist für ihn am besten auf schwarzem hintergrund.

christoph heinlukas bärfuss hat mit seinem roman „hagard“ auch einen roman über einen mann, der sich (sowie einen schuh und sein händy) verliert. bärfuss meint zum thema schuhe, dass nicht kleider leute machen, sondern schuhe. sie zeigen status, erotik und einstellung. wenn einem die schuhe abhanden kommen, wird man empfindlicher, man muss genau auf den weg schauen. er fragt sich, warum so viele romanfiguren sterben müssen, dies sei äusserst schade. spannederweise bringt auch er den vergleich, dass die kommunikationsmittel uns einsamer machen als verbinden.

hagard

sebastian krumbiegel ist nun als autor unterwegs und für ihn sei das eine neue rolle. sein lied „ich bin der schönste junge aus der schönen ddr“ bekommt den ironischen sinn vor allem, wenn man gesehen hätte, wie schrecklich er damals ausgesehen hätte.

krummbiegldas thema der diskussion hörte sich definitiv spannender an, als was schlussendich gesagt wurde. trotzdem ein schöner abschluss des messetages.

ard forumdas abendprogramm war in diesem jahr ruhiger als sonst, da wir für die litpop keine tickets hatten. wir hörten zuerst im museum an der runden ecke von betroffenen menschen, die während der ddr zeit als oppositionelle galten, wie die überwachung durch die stasi vor sich ging und sie selbst nach ihrer ausreise nach west berlin noch unter den aktionen und massnahmen zu leiden hatten. sehr eindrückliche zeitzeugen, die helfen, dass diese zeit nicht vergessen geht.

gespräche mit oppositionellenanschliessend entschieden wir uns für die festliche lesung mit arno geiger im mendelssohn haus. die aussstellung beherbergte unter anderem auch ein kochbuch aus dem jahr 1832.

kochbuchfast wie zu hause fühlten wir uns bei den aquarellen mit motiven aus der schweiz. schweizerbildeine klavierpädagogin sorgte für den musikalische rahmen. arno geiger las den anfang aus dem „könig in seinem exil“, der die kindheit seines vaters beschreibt. es sei ihm wichtig gewesen, den vater nicht nur als krank zeigen, sondern ihn als mensch. zwischen den texten gab er einen sehr persönlichen einblick in die hintergründe, dass er auf einen zeitungsartikel über das thema demens mehr reaktionen erhalten hätte als auf irgend eines seiner bücher und die leute im dorf seinem vater danach ganz anders begegneten und ihn wieder für voll genommen hätten. „Und wenn man nicht mehr reden kann, kann man noch immer am fluss spazieren gehen.“ ein inspirierender abend.

arno geiger