strasse der wunder

ein besonderer kultureller höhepunkte erwartete uns heute abend im schauspielhaus. john irving las aus seinem neuen roman „strasse der wunder“ mit einem anschliessenden gespräch. Die lesung war gesplittet in einen deutschen und einen englischen teil – sehr gut aufeinander abgestimmt. mir fiel auf, dass john irving während des deutschen leseteils mit den händen den rhytmus mitwippte. beim verlauf des gesprächs stellte sich heraus, dass er sehr gut deutsch spricht und somit auch die texte verstand.

lesungjohn irving erläutert, dass er sein buch jeweils vom ende her schreibt. er brauche sehr lange, bis ein roman fertig sei. normalerweise beginne er mit dem letzten kapitel und dem letzten satz, den er nicht mehr umschreibe. um dem leser zu zeigen, dass es nicht nur sonnenschein gibt, lasse er seinen hauptfiguren immer etwas schlimmes zustossen, denn nur wenn  den liebgewonnen charakteren schlimme sachen passieren, würde man sie ernst nehmen. diese ereignisse seien in der jugend der personen angesiedelt, da nach seiner auffassung einschneidende erlebnisse, die im alter von 12-15 jahren geschehen, den menschen für den rest des lebens prägen würden, ihn zu dem machen, was er ist. die effekte könne man jedoch erst sehen, wenn man den menschen auch als erwachsenen „kennenlernt“, dies ein grund, weshalb seine romane die hauptpersonen über eine lange zeit begleiten. wenn er hingegen eine geschichte für einen film schreiben würde, konzentriert er sich auf eine zeitspanne. So sei auch das neue buch entstanden – die geschichte der kinder in mexiko hätte er für einen film geschrieben und erst als er entschied, dass es doch ein roman würde, erhielt juan diego eine zweite geschichte in den usa.

john irvingdie interviewerin schien sehr nervös und die fragen waren nicht direkt als fragen formuliert sondern eher aussagen von ihrer seite. die eine zielte darauf ab, dass günter grass und john irving gute freunde waren und oft über die unterschiedliche stellung von schriftstellern in deutschland und den usa im bezug auf die art der politischen einflussnahme diskutiert hätten. ebenso hätte grass gesagt, dass man als autor engagiert und wütend sein müsse, um gute geschichten zu schreiben. john irving meinte nach einer kurzen pause: „es ist wahrscheinlich keiner so wütend, wie günter es war.“

die themen, die er in seinen büchern aufgegriffen hätte, seien heute teilweise aktueller als zum zeitpunkt der veröffentlichung. bei „cider house rules“ bzw. „gottes werk und teufels beitrag“ ging es um das thema abtreibung. dies sei in einigen ländern heute viel schwieriger als damals. die welt würde nicht schlechter werden, es seien einfach die menschen, die nach wie vor schreckliche dinge tun.

in „the hotel new hampshire“ geht es auch um einen suizid, lily stürzt sich aus dem fenster. der letzte satz „keep passing by open windows.“ ist eine aufforderung, dies nicht zu tun. wir hätten ihm gerne noch weiter zugehört, so vielschichtig und wach – wunderbar!

gespräch john irvings hand sei etwas angeschlagen, und da er alle bücher von hand schreibe, würde er nicht für signaturen zur verfügung stehen. er hätte aber im vorfeld einige bücher signiert und wir ergatterten eines! wir freuen uns schon auf die lektüre!

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